Logo cinecorso Projekt Klassische Kinokultur in Köln

Die Kölner Filmproduktionsfirma Dekage

Geschichte und Filmographie

Zurück

Gründung und Firmensitz

Bei der Deutschen Kinematographen-Gesellschaft Schwartz & Mülleneisen Cöln (besser bekannt unter ihrem Akronym Dekage) handelt es sich um ein gemeinsames Projekt der Kölner Unternehmer Heinrich Schwartz und Christoph Mülleneisen. Sowohl der Großindustrielle und Bodenspekulant Schwartz (s. Kurzbiografie Schwartz) als auch der ehemalige ausgebootete Erbe des „Müllemer Böötche“ und Firmensanierer Mülleneisen (s. Kurzbiografie Mülleneisen) sahen die neue Technik der Kinematografie wohl hauptsächlich als lukrative Investition. Der Eintrag der neugegründeten OHG ins Handelsregister erfolgte im Dezember 19111. Der Firmensitz war Hohe Pforte 15-172. Als Direktor der wurde der schon seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich in der Film- und Kinobranche tätige Wilhelm Graf engagiert. Das Düsseldorfer Fachblatt Der Kinematograph bekam erst im April 1912 Wind von der gewichtigen Neugründung und widmete ihr einen ausführlichen Beitrag.

Geschäftsmodell

Das Geschäftsmodell der Dekage umfasste:

  1. der Erwerb von bereits bestehenden Lichtspiel-Theatern bzw. deren Vereinigung zu Großkinos sowie die Neuerrichtung von Lichtspiel-Theatern
  2. den Vertrieb von kinematographischen Geräten aller Art (z. B. Projektoren der Firma Ernemann) unter dem exklusiven Label Neue Dekage Apparate sowie Komplettausstattungen für Lichtspieltheater3
  3. die Herstellung von ambitionierten Serienfilmen („neuartige Kunstserien“) in deren Mittelpunkt ein(e) zugkräftige(r) Star-Schauspieler(in) oder ein Duo stand sowie den Vertrieb dieser sogenannten „Monopolfilme“ (s. Definition Monopolfilme).

Firmengündungen dieser Art waren in den 1910er Jahren, bedingt durch die weitere Kommerzialisierung des neuen Mediums Kinematographie, nicht unüblich. Der Kölner Kaufmann und Kinobesitzer Emil Schilling, Mentor von Edmund Epkens, schon seit 1908 im Kinogschäft tätig, gründete im März 1912 die Deutsche Film GmbH Cöln mit dem Unternehmensgegenstand: „An- und Verkauf, das Ausleihen und die Herstellung von Films sowie aller in die kinematographische Branche schlagenden Apparate“.

Lichtspielhäuser in Köln und Umgebung

Ende des Jahr 1912 gehörten der Dekage fünf Lichtspielhäuser in Köln: das Reform-Theater Hohe Pforte 20, das Kosmos Theater, Hohe Straße 9a, die Severin-Lichtspiele Severinstraße 95, sowie die gerade zu Kinos umgewandelten (Operetten-)Theater Apollo-Lichtspielhaus (ehemals Apollo-Theater), Schildergasse 32-34 und Metropol-Theater, Apostelnstraße 12.4 In Bonn betrieb sie die Metropol-Theater-Lichtspiele, in Hagen das vom Gemeindesaal zum Kino umgewandelte Lichtspielhaus Weidenhof, Mittelstraße. In Aachen übernahm sie das Bavaria-Kinema, Friedrich-Wilhelm-Platz 2 und fusionierte es im Juni 1912 mit dem Union-Theater, Kapuzinergraben 11 zu den Vereinigten Aachener Lichtspielen.

Zeitungsannonce
Vereinigung der von Union-Theater und Bavaria-Kinema, Aachener Anzeiger v.16.6.1912.
Quelle: www.www.zeitpunkt.nrw

Ebenso wurden die Lichtspiele Centralhof, Königstraße 40 sowie das Metropol, Beekstraße 8 in Duisburg zu den Vereinigten Lichtspieltheatern Duisburg. Schwartz, der mit seinen seinen Brüdern auf teilweise unlautere Weise ein Vermögen aufgebaut hatte, daß es ihm gestattete, die Kinematographie vom idealen Standpunkt aus zu betrachten, war insbesondere auch am Erwerb bzw. Bau von Luxuskinos (Palast-Theatern) interessiert. So gehörte auch das Palast-Theater, Kaiserstraße 109 in Solingen, sowie weitere Palast-Theater bzw. -Lichtspiele in Bochum und Essen der Dekage. Am 26.10.1912 eröffnete die Dekage in Dortmund das neuerbaute Palast-Theater in der Brückstraße 445.

Zeitungsannonce
Eröffnung Palast-Theater, General-Anzeiger für Dortmund und die Provinz Westfalen v. 26.10.1912.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw

Filmproduktion

Eine (noch unvollständige) Filmographie der Dekage mit ausführlichen Inhaltsangaben und Auszügen aus der Kinowerbung stellen wir unter diesem Link vor.

Nach ihrer Gründung stieg die Dekage in die Produktion von Serienfilmen des schon etablierten Treumann-Larsen-Duos ein.

Postkarte Wanda Treumann
Visitkarten-Portrait von Wanda Treumann auf einer Postkarte der Dekage (Fotograf unbekannt).
Postkarte Wanda Treumann Rueckseite
Die Rückseite der Karte mit Dekage-Logo (entweiht durch die profane Anfrage eines Herrn Schneider an ein Wiener Fräulein Marianne Mirabella, ob sie Verwendung für Bettwäsche und Servietten hätte).

Alfred Leopold, Dramaturg der Dekage

Daneben produzierte sie Filme nach Drehbüchern von Alfred Leopold, den Schwartz und Mülleneisen als Dramaturg für die Dekage gewonnen hatten.6. Leopold, der sich einen Namen als Verfasser von Operetten mit Titeln wie „Tünnes in Japans Frauenparadies“ gemacht hatte, war auf Hedy Moest, die mit ihrem damaligen Ehemann, dem Kölner Schauspieler, Regisseur (und Karnevalprinzen) Hubert Moest in humoristischen Theaterstücken auftrat, aufmerksam geworden und hatte auf sie zugeschnittene Drehbücher verfasst. Hedy Moest sollte unter dem mondäneren Namen Hedda Vernon Karriere machen. Durch seine Beziehungen zur PAGU konnte Mülleneisen die Dekage-Produktionen in den Ateliers der Deutschen Bioscop AG in Berlin mit Bioscop-Darstellern wie Hugo Flink, Regisseuren wie Max Obal und Emil Albes und Kameraleuten wie Karl Hasselmann drehen lassen.

Christoph Mülleneisen soll im Jahr 1911 die Schauspielerin Asta Nielsen, den „ersten transnationalen Star des Langfilms“7 und „ihren“ Regisseur Urban Gad von ihrer dänischen Produktionsfirma (Nordisk) nach Deutschland abgeworben haben. Vermutlich geschah dies in Kooperation mit der Berliner PAGU (Projektions-AG Union), die Dekage war Teilhaberin an der eigens für den Vertrieb von Asta Nielsen-Filmen gegründeten „Internationalen Film-Vertriebs-Gesellschaft“8. Die PAGU hatte das Traumpaar Nielsen/Gad schnell vereinnahmt: So vermeldete die Dortmunder Zeitung am 21.05.1912, daß Nielsen und Gad geheiratet hatten und Gad den Posten eines Direktors der „Asta Nielsen-Abteilung“ einer hiesigen Kinematographen-Gesellschaft übernimmt. Auch bei der Düsseldorfer Konkurrenz wurde Ende 1911 eine Asta Nielsen-Lichtspiele GmbH gegründet, deren einziger Unternehmenszweck der Betrieb eines Kinematographentheaters unter Bevorzugung der sogenannten Asta-Nielsen-Films war9.

Lissi Nebuschka, Star der Dekage

Mülleneisen suchte jedoch einen exklusiven Star für die Dekage und entdeckte ihn bei einem Theaterbesuch in Bremerhaven. Bei diesem wurde er auf die Theaterschauspielerin Marie Luise „Lissi“ Nebuschka (1888-1966) aufmerksam. Nebuschka ähnelte Asta Nielsen vom Typ und soll diese bei ihren Auftritten wohl auch parodiert haben.10 Die Dekage produzierte von 1912-1913 zwei Lissi Nebuschka-Serien. Als Drehorte dienten wiederum die Ateliers der Deutschen Bioscop AG sowie Originalschauplätze in Neapel, Sorrent, Pompeji, Capri, Genua und den Niederlanden. Ab dem V.Bild der I.Nebuschka-Serie übernahm der in Köln ansässige Filmvorführer und Kameramann Georg Furkel die Photographie.

Annonce
Dekage-Annonce mit einem Aufruf an „Schriftsteller und Filmliteraten für regiefertige Lissi Nebuschka-Sujets in der Kölnischen Zeitung vom 2. Januar 1913.
Quelle: www.zeitpunkt.nrw
Lissi Nebuschka mußte (wahrscheinlich ohne Double) als „Kunstreiterin“ (Todessturz) auftreten, „in Genua Schiffbruch“ erleiden und sich „auf einem Floß bis nach Holland verschlagen“ lassen (Des Meeres und der Liebe Wellen) oder eine „waghalsige Flucht aus dem Centralgefängnis von Neapel“ unternehmen (Verfehlte Jugend)11. Da Nebuschka in Anlehnung an Nielsen auf die Tragödin festgelegt wird (mit Ausnahme der Kömodien „Winterflirt“ und „Hexenzauber“), muß sie fast immer eines gewaltsamen (Frei-)Todes sterben, meist als Opfer skrupelloser Männlichkeit.

In der Kinowerbung zum Debut-Film „Der Todessturz“ der Nebuschka-Serie zum 5.10.1912 klärt die Dekage das Kinopublikum auf:

„Die Lissi Nebuschka-Films dürfen hier ebenso wie die Asta Nielsen-Serien nur in unseren Theatern gespielt werden. Wir sind die alleinigen Inhaber der Lissi Nebuschka-Serien und Mitinhaber der Asta Nielsen-Serien“.

Mülleneisen zieht nicht nur bei der Produktion, sondern auch bei der Vermarktung der Nebuschka-Serien alle Register. Er führt die in Dresden geborene und als Schauspielerin und Sängerin ausgebildete Tochter des östereichischen Opernsängers Franz Nebuschka als „ehemalige Kaiserlich-Russische Hofschauspielerin“ ein und läßt sie in einem „Künstler-Wettstreit“ gegen die „Deutsche Kino-Diva“ Henny Porten antreten. Wesentliches Element seiner Vermarktungsstrategie bleibt für Mülleneisen der schon in seiner Zeit als Schifffahrtsunternehmer erprobte unverhohlene Frontalangriff, in diesem Fall auf den dänischen Kinostar, den er sich mit der mächtigeren Konkurrenz teilen mußte. So firmiert Nebuschka in den Werbeslogans der Dekage als die einzig in Frage kommende Rivalin Asta Nielsen´s, unstreitig eine der besten Schauspielerinnen der Neuzeit, eine zweite Asta Nielsen. Mit vollem Recht wird die große Russin die zweite Asta Nielsen genannt, von manchem Kenner wird ihr dramatisches Können noch höher eingeschätzt. Die Annonce für die Premiere des zweiten Films der Nebuschka-Serie 1912/13 „Komödiantenkind“ in den Duisburger Centralhof Lichtspielen, veröffentlicht in der Rhein- und Ruhrzeitung Nr.566 am 5.11.1912, kulminiert in der triumphierenden Feststellung: Lissi Nebuschka hat sich bereits durch ihr meisterhaftes Spiel und ihre berückende Grazie in dem Zirkus-Drama „Der Todessturz“ die Herzen aller Kino-Besucher im Sturm erobert. Das einstimmige Urteil lautet: Besser als Asta Nielsen.

Der permanente Vergleich mit dem letztendlich unerreichbaren Vorbild hat sicher dazu beigetragen, daß Lissi Nebuschka, deren Filmkarriere sich hauptsächlich auf die Dekage-Serien gründete, heute oft als Epigonin von Asta Nielsen wahrgenommen wird. Ob sie als Opfer von Mülleneisens Geschäftsmodell anzusehen ist oder gerade durch ihn der Nachwelt bekannt geblieben ist, läßt sich momentan ausschließlich anhand einer erhaltenen Kopie des Films „Des Meeres und der Liebe Wellen“ beurteilen, da man sich diesen auf der Website des EYE Filmmuseums unter der Sammlung Jean Desmet zumindest in digitaler Form ansehen kann. Für Drehbuch und Regie zeichnet nach einer Quelle der Sohn von Christoph Mülleneisen verantwortlich.

Die nächste Generation Mülleneisen

Während Filmenmitgründer Heinrich Schwartz hauptsächlich als potenter Geldgeber fungierte, scheint Christoph Mülleneisen ein tiefergehendes Interesse an der Filmherstellung und -produktion entwickelt zu haben, daß er an seinem Sohn Theodor Maria Mülleneisen (1887-1948) weitergab. In Folge nennt sich Theodor Mülleneisen ab ca. 1912 Christoph Mülleneisen Jr. Zeitgenössische Kinowerbung deutet darauf hin, daß sowohl Mülleneisen Sr. wie auch Jr. die Drehbücher (oder nur einer von ihnen) für die meisten Filme der Nebuschka-Serien verfasst haben, (für die ersten Filme schrieb Alfred Leopold das Manuskript, auf den Aufruf zur Einsendung von „Nebuschka-Sujets“ hat sich wohl keiner gemeldet). Nach einigen Quellen hat Mülleneisen (Jr.) bei den Nebuschka Filmen auch die Regie übernommen12. Mülleneisen Vater oder Sohn hatte auch das Drehbuch für das VI. Bild der ersten Asta-Nielsen-Serie „Die Macht des Goldes“ beigesteuert13. Mülleneisen Jr. stieg mit den Nebuschka-Filmen auch ins Produktionsgeschäft ein. Im Juni 1913 gründete er zu diesem Zweck die Firma Christoph Mülleneisen Jr. Cöln. Im September 1913 ändert sich deren Namen in Colonia-Films Mülleneisen Jr. Der Sitz der Firma ist zu diesem Zeitpunkt nach Berlin verlegt14. Die letzten Filme der zweiten Nebuschka-Serie wurden von der Colonia-Films produziert.

Der Grandais-Coup

Der letzte vermutlich noch von Mülleneisen Sr. eingefädelte Coup für die Dekage war die Abwerbung von Suzanne Grandais (1893-1920) von der französischen Filmfirma Gaumont im Jahr 1913. Suzanne Grandais war der aufstrebende Star des französischen Kinos, sie wurde auch als die französische Mary Pickford bezeichnet. Die Dekage ließ interessierten Kreisen anläßlich ihres neuen Projektes einen in die Berichterstattung einzubettende Pressemitteilung zukommen:

„Suzanne Grandais betrat in einer Hosenrolle des Ballets ‚Die Harmlose des Narrenschlosses‘ in Paris die Bretter, die die Welt bedeuten. Damals war sie noch eine kleine, allerliebste Balleteuse des Cluny-Theaters. Bald entpuppte sich der neckische Schmetterling jedoch als ein äußerst talentiertes dramatisches Talent, sodaß die blutjunge Künstlerin sofort für eine südamerikanische Tournee engagiert wurde. Mit 18 Jahren spielte sie die Kameliendame, ‚Chantecler‘ (die weiße Henne) [Theaterstück v. Edmond Rostand, in dem alle Rollen Tiere eines Bauernhofes darstellen] und Magda (‚Heimat‘) [Theaterstück v. Hermann Sudermann im Ausland unter dem Namen der Protagonistin Magda bekannt, 1938 mit Zarah Leander von Carl Froelich verfilmt]. Als sie mit Ehren überhäuft zurückkehrte, wandte sie sich dem Kino zu. Bei Éclair und Lux zwei Pariser Filmfabriken trat sie wenig in den Vordergrund, bis Léon Gaumont sie entdeckte und zur populärsten Filmschauspielerin der Welt machte. Wer kennt die Films und zählt die Rollen, die Suzanne Grandais durch ihr vollendetes Spiel zu wahren Kunstwerken formte? Die Deutsche Kinematographen-Gesellschaft in Köln, die für die Saison 1913-14 die vielbewunderte Filmdiva engagiert hat, hat sich sicher ein Verdienst damit erworben, eine eigene Suzanne Grandais-Serie herauszugeben, die diesen Kinoliebling im Mittelpunkt künstlerischer Filmdramen zeigt“.

Aushangkarten
Suzanne de Lanval alias Suzanne Grandais verfaßt hier wohl einen intriganten Brief.

Grandais unterzeichnete einen Vertrag über insgesamt zwölf Filme bei der Dekage. Vermutlich war für den Erfolg dieser Abwerbung nicht nur die angebotene Gage ausschlaggebend. Grandais war sich ihrers Wertes als nächster europäischer Filmstar wohl bewußt und daß die Zusammenarbeit mit einer ausländischen Firma einen ersten Schritt in die Unabhängigkeit darstellte, um so mehr, als R. (steht für René oder Raoul, es ist unklar ob es sich dabei um zwei verschiedene Personen handelt) d'Auchy, mit dem Grandais wenig später ihre eigene Produktionsfirma Les Films Suzanne Grandais (FSG) gründete, für Idee und Drehbücher der Reihe verantwortlich war16.

Wir präsentieren hier sechs von insgesamt elf Aushangfotos des Films „Liebesintriguen“, produziert von der Dekage (Deutsche Kinematographen Gesellschaft Köln am Rhein). Die Karten haben A4-Format. Fünf von ihnen haben Einstichlöcher, was auf eine tatsächliche Hängung in einem französischen Kino hindeutet. Es handelt sich um kolorierte Fotos auf Albuminpapier. Die Aushangfotos für den Film „Liebesintriguen“ haben wir bei einem Antiquitätenhändler in der Auvergne entdeckt.

Bitte Bilder zum Vergrößern anklicken.

Aushangkarten
Ein Kostümball wird für weitere Intrigen genutzt.

Bei dem Film „Liebesintriguen“ handelt es sich um das II. Bild der Suzanne Grandais-Serie 1913/1914.

In der Kinowerbung für die Premiere im Palast-Theater Dortmund wurde der Film als große Komödie in 3 Akten sowie auch als „Vaudeville“ (im Sinne einer französischen Komödie) angegeben. Ort der Handlung ist Paris.

Aushangkarten
V.l.n.r. Jane Aylac, Maurice Vinot, Suzanne Grandais, Émile Keppens

Die Dekage ließ die Filme vermutlich in einem französischen Studio drehen. Weitere Darsteller waren Grandais Landsmann Maurice Vinot sowie der Belgier Émile Keppens die dem deutschen Publikum ebenfalls aus französischen Filme (mit Grandais) bekannt. Die Regie bei wohl allen realisierten Filmen der Serie übernahm der französische Regisseur Marcel Robert, nach einigen Quellen ein Pseudonym von (Marcel) Robert Péguy17, verwandt mit dem Dichter Charles Péguy.18 Über den weiteren technischen Stab ist uns noch nichts bekannt.

Aushangkarten
Rechts wieder Keppens und Grandais. Leider fanden wir bisher keinen Hinweis auf die übrigen Darsteller.

Laut Inhaltsbeschreibung in der „German Early Cinema Database“ erobert in dem Film ein Mädchen ihren Vormund.19 Bei dem Mädchen kann es sich nur um Suzanne Grandais gehandelt haben, während ihr Vormund von Émile Keppens verkörpert wird. Da der, wie Grandais bei einem Unfall früh verstorbene Maurice Vinot (1888 - 1916) altersmäßig als Partner für die unausweichliche Liebesgeschichte in Frage kam, ist die Inhaltsangabe wohl dahingehend zu verstehen, daß die Hauptdarstellerin die Zuneigung ihres ihr anfänglich skeptisch gegenüberstehenden väterlichen Vormundes gewinnt. Während der Spielzeit des Films lief zeitgleich ein Film mit dem Titel „Vormund und Mündel“20. Vermutlich handelt es sich hier um einen Alternativ-Titel für den selben Film.

Aushangkarten
Der Marquis (Keppens) zeigt erste Ermüdungserscheinungen. Mlle. de Lanval (Grandais) kitzelt ihn mit einem langen dünnen Zweig.

Grandais war in Deutschland durch ihre Gaumont-Produktionen unter der Regie von Léonce Perret und Louis Feuillade bekannt und beliebt geworden. Die Dekage Produktionen waren natürlich auch für den französischen Markt bestimmt. Sie wurden dort jedoch, auf Betreiben der Marktführer Gaumont und Pathé weitgehend boykottiert, nach einigen Quellen wurden französische Versionen der Filme hergestellt21. Am Ende wurden nur sechs Filme der Serie realisiert, Grund dafür war neben dem Boykott vermutlich auch die finanzielle Situation der Dekage.

Aushangkarten
Bleistiftnotiz auf der Rückseite dieser Karte (Petite ratte...?).

Dieser Kommentar könnte sowohl auf das etwas kokette Verhalten der Hauptdarstellerin auf diesem Foto gemünzt sein, als auch auf das Überlaufen der Grandais zu einer feindlichen Produktionsfirma.

Aushangkarten
Die ständigen Intrigen haben den Marquis schon fast ins Grab gebracht. Neben seinem Bett wacht möglicherweise die Darstellerin mit dem Namen „Frau Tréville“ in der Rolle der „Mona D'Amalfi“?

Das Ende der Dekage

Am 15.10.1913 ist die Deutsche Kinematographen-Gesellschaft Schwartz & Mülleneisen aufgelöst und die Firma erloschen. Hier trennten sich die Wege der beiden Unternehmer. Am 7.10.1913 hatte Heinrich Schwartz mit seinem Bruder eine Neugründung als „Deutsche Kinematographengesellschaft P. und Heinrich Schwartz Cöln“ versucht, diese wurde bereits am 21.11.1913 wieder aufgelöst. Zumindest Heinrich Schwartz‘ens Brüder Josef, Karl und Peter Schwartz sind während der Wirtschaftskrise der 1920er Jahre über ihre Monheimer Firma in einen größeren Spritschiebeskandal verwickelt.22 Die Dekage existierte nun als Dekage Film-Vertriebsgesellschaft weiter, produzierte wohl aber auch noch Filme. Daneben bietet man Kinoeinrichtungen an. Betriebsadresse ist Köln, Neumarkt 33-34. Die Geschäftsführer wechselten häufig. Auf Wilhelm Graf folgen Paul Prior und Bernhard Spielmanns, ständig werden Buchhalter (in einer Anzeige auch Buchhalterinnen!) möglichst mit Erfahrung im Filmgeschäft gesucht. 1916 beschert der I.Weltkrieg der Dekage noch eine Vertriebsmöglichkeit. Sie schaltet, wie auch andere Filmfirmen, Werbung für die betriebsbereite Einrichtung von sogenannten Front- oder Truppenkinos23. Dabei handelte es sich um zerlegbare Kinomaschinen und Leinwände, die von Soldaten transportiert und zur Truppenerbauung aufgebaut wurden. 1920 scheint die Firma Dekage entgültig Geschichte zu sein.

Das Ende der Filmproduzenten Mülleneisen

Mülleneisen Sr. hat seinen Tätigkeitsbereich wohl schon Ende 1913 nach Berlin verlegt. 1914 lieferte sich der konfrontationsfreudige Mülleneisen Sr. in der April-Ausgabe des Kinematograph einen Schlagabtausch mit seinem Rivalen Ludwig Gottschalk von der Düsseldorfer Film-Manufaktur, den er hinter dem Pseudonym Kassandra vermutete. Unter diesem Pseudonym war eine beissende Kritik an der Filmeinkaufs- und Vertriebsgenossenschaft mbH, die u.a. er und der ehemalige Dekage-Geschäftsführer Wilhelm Graf gegründet hatten, in dem Filmfachblatt veröffentlicht worden. Es handelte sich um ein umstrittenes Genossenschaftsmodell, das nach Meinung auch anderer Kritiker eher dazu diente, Kinobetreiber in ihrer Filmauswahl zu beschränken und den eigenen Profit zu maximieren24. Seine letzten Jahre verbringt Christoph Mülleneisen Sr. auf einem Gut in Ulm (Baden-Württemberg). Er stirbt am 10. Juni 1925. Der Nachruf im Kinematograph vom Juni 1925 in Form einer Eloge (Kritisches wird ausgespart) beschreibt Mülleneisen Sr. als einen von „der alten Garde, die in allen Filmsätteln gerecht war“ (d.h. er beherrschte jedes Genre), würdigt ihn sogar als Erfinder der „Monopolfilmserie“. Mit keinem Wort erwähnt er Mülleneisens „Star“ Nebuschka. Der Artikel umrahmt eine Fotografie Mülleneisens in seinen besten Jahren. Sie zeigt das Brustbild eines Mannes im Anzug mit renaissancehaften Zügen, vollem Haar, und dunklem Vollbart im Profil, das Asta Nielsens autobiografische Erinnerung an ihn glaubhaft wirken läßt: „ein großer, dicker Mann in den Vierzigern mit einem Äußeren, das an sämtliche Apostel und kleine Propheten auf alten Gemälden erinnerte25.“ In einem Satz, der sein Wirken in Berlin zusammenfaßt und , heißt es: „Mülleneisen fabrizierte in Berlin, machte Kommissionsgeschäfte, war einmal ein Leiter großer Unternehmen, dann wieder kleiner Agent; unabhängig davon, ob sein Einkommen groß oder klein war“. Damit wird Mülleneisens Risikobereitschaft, seine Fähigkeit Niederlagen wegzustecken, seinen Drang, Vorhaben zu verwirklichen, ohne Rücksicht auf Verluste, kurz,sein Charakter, der seinen Weg bestimmte, vom knapp volljährigen Dampfschifffahrtsdirektor zum reisenden Liquidator, vom erbitterten Konkurrenten und vorbestraften Bankrotteur zum Filmmogul noch einmal verdeutlicht26. Mülleneisen Jr. produzierte in Berlin weiterhin erfolgreich Filme. Im Jahr 1936 soll er durch Arisierung (Zwangsenteignung jüdischer Firmeninhaber im Dritten Reich) vom Gesellschafter zum Geschäftsführer der Firma Majestic-Film GmbH aufgestiegen sein. Noch bis ca. 19 42 war er in Berlin als Filmproduzent tätig. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er fern vom Filmgeschäft in Lobberich, dem Heimatort seiner Frau, als Landrat. Mülleneisen stirbt dort kurz nach Ende des II.Weltkriegs am 14.April 194827.

Quellen:
1 Handelsregister-Eintragungen v. Amtsgerichten aus Rheinland und Westfalen, Abt. A Nr.5323
2 Bruno Fischli, „Vom Sehen im Dunkeln“, Köln 1999 S.28
3 Der Kinematograph Nr. 312, 1912
4 Bruno Fischli, „Vom Sehen im Dunkeln“, Köln 1999 S.28, Kölnische Zeitung Nr.246 v. 5.3.1912
5 Bericht und Annonce in der Dortmunder Zeitung Nr.547 v. 26.10.1912, Der Kinematograph Nr. 277, 1912
6 Bericht und Annonce zur Eröffnung des Palast-Theaters in der Dortmunder Zeitung Nr.547 v. 26.10.1912
7 https://importing-asta-nielsen.online.uni-marburg.de/about
8 C. Aretz, I. Schoor,„Köln im Film - Filmgeschichte(n) einer Stadt“, Köln 2004 S.36
9 Handelsregister-Eintragungen v. Amtsgerichten aus Rheinland und Westfalen
10 https://de.wikipedia.org/wiki/Lissi_Nebuschka
11 zitiert aus der Kinowerbung für die jeweiligen Filme
12 Kinowerbung in Zeitungen des Jahres 1912, https://earlycinema.dch.phil-fak.uni-koeln.de/films/view/
13 https://importing-asta-nielsen.online.uni-marburg.de/filmographie
14 Handelsregister-Eintragungen, Kölnische Zeitung v. 27.06.1913,und v. 11.09.1913
15 Hörder Volksblatt Nr.280 v. 09.10.1913
16 https://fr.wikipedia.org/wiki/Suzanne_Grandais, https://sempreinpenombra.com/2018/08/24/suzanne-grandais-a-berlin/
17 https://cinephilazr.pagesperso-orange.fr/fiche_PEGUY_Robert.htm
18 Didier Blonde, « Pour Suzanne Grandais », 1895. Mille huit cent quatre-vingt-quinze [En ligne], 66 | 2012, mis en ligne le 01 mars 2015, consulté le 28 juin 2020. URL : http://journals.openedition.org/1895/4467 ; DOI : https://doi.org/10.4000/1895.4467
19 https://earlycinema.dch.phil-fak.uni-koeln.de/films/view/28578
20 Kinowerbung für eine Aufführung im Theater zur alten Post in Bielefeld vom 8.November 1913
21 https://fr.wikipedia.org/wiki/Suzanne_Grandais
22 https://www.monheim.de/stadtleben-aktuelles/stadtprofil/monheim-lexikon/blee
23 Annonce in einer Kölner Zeitung v. 28.November 1916
24 Der Kinematograph Düsseldorf, April 1914, Nr.379, Nr.380, Nr.381
25 Asta Nielsen, Die schweigende Muse Henschel Verlag, Berlin 1979
26 Der Kinematograph Berlin, Juni 1925, Nr.956 S.25
27 https://www.lobberich.de/kultur/leute/christoph_Muelleneisen.tpl

Zum Seitenanfang