Warum wir analoges Filmmaterial erhalten wollen
Für uns ist Digitalisierung, schlimmstenfalls bei Vernichtung des Originalmaterials, kein Synonym für Erhaltung. Digitalisate ermöglichen eine schnellere und bequemere Zugänglichmachung und Verbreitung zwecks wissenschaftlicher Auswertung etc., sie dienen als letztes Mittel zur Rettung von Material, welches sich, aufgrund schlechter Lagerung, im Stadium des Zerfalls befindet. Bei guter Lagerung ist Filmmaterial aber, variierend nach dem Material des Trägers, über hundert Jahre haltbar. Auch bei fortgeschrittenen Zerfall bietet es noch eine direkte Möglichkeit, die verbliebene Information zu sichern. Es ist uns wichtig, analoges Filmmaterial und eine diesem Material angemessene, archivwürdige, analoge Vorführpraxis zu erhalten. Material, welches wir nicht lagern können, wird ausschließlich an Institutionen weitergeleitet, die sich ausdrücklich der Erhaltung bzw. Restaurierung aller Arten von Träger-Material verschrieben haben.
Bei alten Filmen etc. wird heute oft eine Trigger-Warnung bzw. eine historische Einordnung vorausgeschickt. Inhalten wird eine Halbwertszeit zugemessen, nachdem man sie nicht ohne weiteres zumuten kann. Einerseits findet also eine Bevormundung der Zuschauenden statt, andererseits empfindet man es als unproblematisch, alle Spuren des physische Alterungsprozess des organischen Materials zu eliminieren. Das Digitalisat erscheint an der Oberfläche zeit- und leblos, der Historizität seiner Materialkomponente beraubt. In unseren Augen stellt die Verletzlichkeit der analogen Filmkopie, die ihr eingeschriebenen Verletzungen (Wasserschäden, Kratzer, Schrammen, Regenstreifen) kein Störfaktor, sondern eine zusätzliche Informationsspur, die uns dem Material, seiner Endlichkeit, annähert und uns hilft, die Inhalte distanziert, im zeitgeschichtlichen Kontext zu betrachten.