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Zelluloid

Eine Annäherung

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Nitrierte ( d. h.mit Salpetersäure versetzte) Zellulose wurde u.a. als Sprengstoff (Schießbaumwolle) genutzt. In Verbindung mit dem Weichmacher Kampfer wurde es zum erstem industriell herstellbaren thermoplastischen Kunstoff, aus dem unzählige Gegenstände des Alltagsgebrauchs (Puppenköpfe, Billardkugeln, Brillenfassungen, Kämme, Krägen, künstliche Zähne usw.) hergestellt wurden.

Zellhorn Brillen
Ein Zellhorn-Brillengestell aus den 1930er Jahren.

Obwohl Zelluloid als nicht witterungsbeständig gilt, hat dieses Brillengestell auf dem ungedämmten Dachboden des Hauses, in dem mein Großonkel Andreas Britz seine Optik- und Uhrmacherwerkstatt betrieben hat, trotz jahrzehntelanger Sonneneinstrahlung durch eine Dachluke relativ unbeschadet überdauert.

Cellhorn Werbung
Erhalten hatte sich dort auch dieses Cellhorn-Markenschild der Firma Philipp M. Winter, Optische Fabrik aus Fürth.
Höhrhilfe
Zweiteiliges ausziehbares Zellhorn-Höhrrohr (altertümliches Hörgerät)aus dem Nachlaß von Andreas Britz.

Die im Deutschen gebräuchliche Bezeichnung Zellhorn (Cellhorn) verweist darauf,daß es als Ersatz für organische Stoffe wie Horn, aber auch Schildpatt oder Elfenbein diente.

Tischkalender
Tischkalender mit Monatstäfelchen aus Celluloid aus Nachlass.

Die amerikanische Markenbezeichnung für Zellhorn ist Celluloid. Zu einem dünnen Film gewalzt wurde es zum bekanntesten Trägermaterial für die Filmemulsion.

Filmdose
Kulturgeschichte des Industriefilms in einer Filmdose.

Diese Filmdose aus den 1920er Jahren vereint die Zellulose als Rohstoff des Industriezeitalters in Label und Beschriftung. In Form des Nitrocellulosefilms dokumentierte es die Gewinnung eines anderen ebenfalls zellulosehaltigen Rohstoffes, des Sisals, welches zur Herstellung von Seilen benutzt wurde. Sisal stammte eigentlich aus Südamerika, wurde von einem deutschen Kolonialbotaniker im ehemaligen Deutsch-Ostafrika eingeführt und verweist damit auf Kolonialismus und Ausbeutung als Begleiterscheinungen der Industrialisierung.

Filmdose
Das Label der Dose im Detail.

Produziert wurde das ursprünglich in der Dose enthaltene Zelluloid-Rohmaterial von der seit 1925 existierenden I.G.Farben (Interessengemeinschaft Farbenindustrie A.G.), Diese war aus der 1904 gegründeten Interessengemeinschaft Farbstoffchemie hervorgegangen, zu dem die Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication (AGFA), Bayer und die Badische Anilin- und Soda Fabrik (BASF) gehörten. Ihre Zentrale befand sich im alten Berliner Postzustellbezirk S(üd)O(st) 36 in Treptow, Lohmühlenstraße. Ihr Direktor wurde Paul Mendelssohn-Bartholdy, Sohn des gleichnamigen Unternehmensgründers und Nachfahre des Komponisten.

Hier sieht man meine Mutter im Jahr 1941 mit ihrer Schildkrötpuppe Modell Inge, die zu dieser Zeit noch aus Zelluloid hergestellt wurde.

Die Firma Schildkröt gehörte im Dritten Reich übrigens zu der seit 1933 arisierten I.G. Farben, die heute wegen ihrer Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus berüchtigt ist.

Lignose Ladies. Zwei junge Damen im Köln der Zwanziger Jahre auf Zellulosenitratfilm der Lignose A.G., einer Firma, die Schießbaumwolle Sprengstoff, Waffen und Munition herstellte. Das Material wurde auf AGFA Sicherheitsfilm umkopiert, die Originalaufnahmen vermutlich vernichtet.

Einerseits ist es also der Rohstoff, aus dem die Träume waren, der Sehgewohnheiten sprengte, in dem Unterbewußtes oder vermeintlich Übernatürliches sichtbar gemacht wurde, neue visuelle Ausdrucksmöglichkeiten (Szenenüberblendung etc.) zum ersten Mal erprobt wurde. Andererseits auch Rohstoff einer Traumfabrik, die die kommerziell hergestellte Filmkopie nicht als Kunstform, sondern als Ware begriff, die ihr Geld einspielen muß und auch besonders in Kriegszeiten zur Zelluloid-Rückgewinnung vernichtet werden darf.

Das mögliche Ziel der gutgekleideten Damen war vielleicht das ca. 1914 eingeweihte Kaufhaus Peters, später von Karstadt übernommen, das hier in der frühen Abenddämmerung auf seine Weihnachtsausstellung im 4. Stock aufmerksam macht. Rechts sieht man das einbelichtete Lignose-Logo mit der Emulsionsnummer 2609 neben der Umkopierung auf AGFA-Sicherheitsfilm. Die hier vorgestellten Ausschnitte stammen aus unserer Sammlung von Dokumentarmaterial aus dem Labor Epkens bzw. des Kameramanns Krakau.

Von Nachgeborenen, die in der Jetzt-Zeit die Projektion echten Zelluloidmaterials erleben durften, oft verklärt als das ultimative Trägermaterial für die Filmemulsion, auf jeden Fall ein auch in puncto Bildschärfe voll ausgereiftes Material, in der Umgangssprache nostalgischer Synonymbegriff für den analogen Film an sich, ist es doch auch zum Rohstoff für Albträume von Archivaren geworden, ein Ängste auslösender Stoff, ähnlich dem im kinotechnischen Bereich früher gerade wegen seiner feuerhemmenden Eigenschaften häufig verwendeten Asbest.

Als Medium, daß dem Übergang von reinen Bild- zum Bild-Ton-Träger unmittelbar verbunden ist, auf dessen Haut (als ursprüngliche Bedeutung des Wortes Film) die Lichttonspur erstmalig kommerziell eingeschrieben wurde und damit das Ende einer Ära begründete hat das Zellhorn einen eigenen auf seine Stofflichkeit und deren Widerständigkeit (ähnlich den Tonfilmgegnern) bezogenen, poetisch anmutenden Begriff geprägt: Das Zellhornrauschen. Dieses dem Material geschuldete Grundrauschen mußte neben dem Filmkornrauschen und Unterdrückungsschaltungen eliminiert werden.

Filmdose
Hier haben zwei kleine Nitrofilmrollen aufgrund langfristiger feuchter Lagerung mit der Metalldose reagiert.

Obwohl schon relativ früh mit einem Trägermaterial auf Acetatcellulosebasis (Sicherheitsfilm) experimentiert wurde, war dieser am Anfang nur von minderwertiger Qualität und gegenüber dem Nitrocelluloseträger nicht konkurrenzfähig. Eine Ausnahme in dieser Hinsicht stellten auch die im Amateurbereich genutzten Schmalfilmformate (8/16mm) dar, der schon in der Anfangszeit nur noch auf Sicherheitsfilm ausgeliefert wurde. Spätestens Mitte des 20sten Jahrhunderts machte man erste Erfahrungen mit aufgrund von Alterung geschrumpften Nitratkopien, beschleunigt u.a. auch durch unsachgemäße Lagerung und klimatische Einflüsse. Diese begünstigte bei der Projektion das Auftreten von Filmrissen und erhöhte damit zusätzlich die Gefahr der bei diesem Material wegen der Nichtlöschbarkeit und der Bildung von giftigen Nitrosegasen verheerenden Filmbrände.

Filmprüflehre
Zeiss Ikon Filmprüflehre für Normalfilm

Mittels einer Filmprüflehre ist es möglich, den Schrumpfungsgrad einer älteren Nitro(Normalfilm)-Kopie zu ermitteln.

Wegen seiner leichten Entflammbarkeit wurde der Nitro-Zelluloid-Film 1957 entgültig durch Sicherheitsfilm aus Acetat-Zellulose und noch später durch den Polyester-Film abgelöst. Jedoch ist der Materialverfall bei Nitromaterial in keinem Fall zwingend. Es kommt auf die Herstellungs- und Materialbedingungen an. Bei sachgerechter Lagerung ist Celluloid-Film über 100 Jahre haltbar.

Der Übergang von Filmkopien vom Gebrauchsmaterial zu Unikaten des Zeitgeschehens muß mit einer Diskussion über die Historizität des Trägermaterials und der Notwendigkeit seines Erhalts einhergehen. Die Chance einer kulturhistorisch objektiven sachlichen Bewertung, die Gefahren nicht unterschlägt, sie jedoch realistisch einordnet, wird heute leider oft zugunsten einer undifferenzierten und unwissenschaftlichen Dämonisierung verschenkt. Auch erhebt sich die Frage, wem die Deutungshoheit über die Archivwürdigkeit überlassen werden soll.

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